Herbert Stachowiak als Kulturreferent des ersten Studentenrates
der Berliner Universität. 1947 bei der Gründung - Wiedereröffnung der Universität.

 
Auszug aus Bild am Sonntag vom 28. Januar 1996: zu den 50 Jahresfeiern

Das Wissenschaftsideal der akademischen Jugend

Sehr geehrte Vertreter der Sowjetischen Militäradministration und des politischen Lebens unserer Stadt,
Magnifizenz,
meine sehr verehrten Herren Professoren,
liebe Kommilitonen,

sehr verehrte Damen und Herren, hochgeschätzte Festversammlung,

Noch bewegen sich unsere Gedanken in der Sphäre der historischen Vergangenheit unserer Alma mater, von deren Geburt und Entwickung, Höhen und Tiefen und schließlich zwar geschwächter, aber doch ungebrochener Lebenskraft Sie uns, verehrter Herr Professor Hartung, soeben ein denkwürdiges Bild gezeichnet haben.

Nicht ohne schmerzliches Gefühl blicken wir Gegenwärtigen in die Glanzzeiten einer wissenschaftlichen Forschung zurück, die noch nicht von den negativen Kräften der menschlichen Kultur, dem drohenden Obergewicht einer ziellos expandierenden technischen Zivilisation, die sich auch des Bösen dienstbar machte, ernsthaft bedroht waren. Indem sich der Mensch immer mehr von der Naturerkenntnis der Beherrschunq der Natur zuwandte, musste er gleichwohl die vollen Konsequenzen dieses seines Tuns tragen, das heisst er musste sich in zunehmendem Maße der von ihm selbst organisierten Objektwelt unterwerfen. Ihm schwand mehr und mehr die Fähigkeit, das Geschaffene zum Wohle der Menschheit konsequent zu verwalten. Er verlor zunehmend das ethische Bewusstsein, das allein die Störung des Gleichgewichts zwischen Welterkenntnis und Weltgestaltung hätte verhindern können.

Meine Damen und Herren!

Es scheint mir wichtig, in dem Schicksal unserer Universität, das uns so viele in die Zukunft weisende Lernimpulse hätte geben können, gerade das innige Verhältnis von Erkennen und Handeln näher in den Blick zu nehmen. Denn jene ernsten Gleichgewichtsstörungen, vor deren Folgen wir nach einem politischen Irrweg ohnegleichen und nach dem Missbrauch, der mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen, insbesondere der naturwissenschaftlichen Forschung getrieben wurde, stehen, rufen in uns die unerlässliche Pflicht wach, uns unsere Auffassung von der wissenschaftlichen Bildungs- und Forschungsarbeit und damit auch vom tieferen Sinn des akademischen Studiums darzulegen. Ich will dies hier und heute wenigstens im Umriss versuchen. Lassen Sie mich daher in kurzen Zügen auf das Wissenschaftsideal einer akademischen Jugend eingehen, die - auf welchem Gebiet immer bereit ist, die Kräfte ihres Geistes und ihres Herzens zu nutzen, gleichzeitig nach Wahrheitserkenntnis und nach gerechtem Handeln zu streben.

Damit ist schon eines, das ich gleichwohl wegen seiner Augenscheinlichkeit vorab kurz erwähne, mit ausgesprochen, nämlich: Diese Jugend lehnt jene opportune und in ihrem kurzgreifenden Nutzendenken unwissenschaftliche Auffassung ab, die man durch das Schlagwort "Brotstudium" treffend gekennzeichnet hat. Lassen Sie es mich bereits an dieser Stelle sagen, dass diejenigen, denen es nicht um Wissenschaft, sondern nur um die bequeme Zubereitung späteren Wohllebens geht, in dieser unserer Universität niemals eine echte Heimat finden werden. Sie sind unserem Wissenschaftsideal so fremd, wie nur irgend einer, der mit uns nichts gemein hat.

Nun zu unserem Gegenstand:

Zunächst sei festgestellt, dass die Auffassungen vom Wesen und Sinn wissenschaftlicher Bildung und Forschung keineswegs einheitlich sind. Gleichwohl geben sich zwei Hauptrichtungen zu erkennen, deren eine Wissenschaft als Selbstzweck betrachtet und deren andere die Wissenschaft dem Prinzip der Nützlichkeit unterordnet, und zwar einer Nützlichkeit, die über die Interessen des einzelnen hinausgeht. Was den erstgenannten Grundsatz "Wissenschaft um ihrer selbst willen" betrifft, so scheint gegen eine solche Auffassung dann ernstlich nichts zu sprechen, wenn diese Redeweise den einfachen menschlichen Drang nach Wissen meint, der Angst aus seiner ursprünglich biologischen Überlebensfunktion zum abstrakten Erkenntnismotiv neutralisiert, sich damit auch jeder ihn anderweitig einschränkenden Absichtlichkeit entzieht. Allein - offen bleibt die Frage nach dem eigentlichen Ziel von Wissenschaft, die doch durch deren bloße Existenz nicht beantwortet werden kann. Auch vermissen wir bei der "Wissenschaft um ihrer selbst willen" die Beziehungen der Wissenschaft zu den Sinngefügen des Lebens, nicht nur des Menschenlebens, wir vermissen ein ordnendes Forschungsprinzip mit klaren Problemstellungen und entsprechenden Methodenvorgaben und vor allem der Sicherung dagegen, dass eine nach außen abgeschlossene Wissenschaft ohne feste Selbstbindung an ihr Wahrheitethos leicht von fremden, unwissenschaftlichen Interessen missbraucht werden kann. "Wissenschaft um ihrer selbst willen" gleicht einem mit hohen Talenten begabten Henschen, der jedoch diese niemals a priori gut zu nennnenden Fähigkeiten nicht in den Dienst einer höheren ethischen Ordnung stellt, sondern sie auch zu böser Tat verwendet oder verwenden Muss.

Betrachten wir den entgegengesetzten, utilitaristischen Standpunkt: Kein Mensch wird ernsthaft bestreiten wollen, dass eine auf den materiellen oder geistigen Nutzen der Menschheit zielende wissenschaftliche Forschung Großes für die Vervollkommnung unseres Lebens leisten kann und tatsächlich geleistet hat, obschon jeder Fortschritt, zumal wenn er eine Erleichterung des äußeren Lebens verspricht, mit - oft empfindlichen - Verzichtleistungen auf wichtige Lebenswerte verbunden ist. Und leicht kann dieser lebenserleichternde Fortschritt in sein Gegenteil umschlagen, wenn ihm nicht ein moralischer Fortschritt die Waage hält. Da aber faktisch, wenn mich nicht alles täuscht, Anzeichen für einen solchen moralischen Fortschritt in keinem der technischen Entwicklung adäquaten Umfang vorliegen, sondern von Jahrzehnt zu Jahrzehnt eher Rückschritte beobachtet werden können, so scheint mir die Redewendung "Wissenschaft hat dem Nutzen der Menschheit zu dienen" solange keinen oder nur einen in seiner Sichtverkürzung bedenklichen Sinn zu haben, solange man bei der Auslegung des Begriffs "Nutzen" entweder in einer materiellen Oberfläche verweilt, in der Sphäre persönlicher, egoistischer Vorteilsnahme, oder gar den militärischen Nutzen wissenschaftlich perfektionierter Zerstörungsmittel ins Auge fasst. Wir können es Zufall oder tiefe Absichtlichkeit des Schicksals nennen, jedenfall erhellt es schlagartig die Situation der heutigen Menschheit, dass die Geburtsstunde des jüngsten Erzeugnisses menschlichen Forschergeistes, der Kernspaltung und damit der Erschließung der Atomenergie, auch gleichzei

tig die Geburtsstunde einer neuen gewaltigen Zerstörungskraft war. Es kann nicht die Aufgabe, es kann auch nicht das Schicksal der Wissenschaft sein, in einem Atemzug Nutzen und Verderben zu fördern.

Was zeigt uns nun diese kurze Kritik?

Beide Standpunkte, so gegensätzlich sie sein mögen, haben das eine gemeinsam: sie entbehren der Unterstellung der Wissenschaft unter ein ethisches Prinzip, von dem sie als ihrem obersten Apriori geführt wird. Weit entfernt von der Gewissheit, dass damit allein die Zukunft der menschlichen Kultur gesichert werden kann, erhebt sich doch vor uns allen, die sich als Lehrer, Forscher oder Lernende der Wissenschaft verschrieben haben, die Forderung, unsere wissenschaftliche Betätigung stets einer hohen sittlichen Gesinnung unterzuordnen, und dazu gehört, sie in den Dienst der Humanität zu stellen. Es darf nicht mehr vorkommen, dass man die Wissenschaft zu verderblichen Zwecken missbraucht. Voller Abscheu wenden wir uns auch von jenen Ärzten ohne Gewissen ab, die mit ihren Experimenten am lebenden Menschen, ihrer grausamen Beihilfe bei der systematischen Vernichtung von Menschenleben und ihrer devoten Unterstützung einer wahnsinnigen Rassenideolgie so schwer gegen die Humanität verstoßen haben.

Alle diese Fälle zeigen uns die praktischen Konsequenzen einer Wissenschaftsauffassung, die nicht immer wieder in einer hohen sittlichen Gesinnung verwurzelt ist, die nicht von ethischen Gesichtspunkten geleitet wird. Verantwortungsbewusstsein in jeder unserer Handlungen, Gewissenhaftigkeit in allen unseren Arbeiten und Treue gegenüber unserer sittlichen Forderung: das sind die Führer, die uns nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch weit darüber hinaus den richtigen Lebensweg zeigen. Diese Eigenschaften haben unsere Universität groß gemacht, - und wo sie fehlten, trat unerbittlich Rückschritt ein - sie haben das Leben manches unvergesslichen Forschers bestimmt und werden uns auch zukünftig immunisieren gegen alle ideologischen Anfechtungen und alle Verfallserscheinungen eines modernen Materialismus mit vielleicht neuen Formen der Unmenschlichkeit. Sie verlangen von uns, dass wir in unserer Universität eine Stätte sehen, in der in erster Linie bedingungslos nach Wahrheit geforscht und Wahrheit gelehrt wird, die nicht nur eine Aggregation von Berufsschulen ist, und dass sich dieses Wahrheitsethos mit dem Ethos von Menschlichkeit und Menschenwürde verbindet. Unser Wissenschaftsideal liegt nicht in der Ansammlung von Tatsachenwissen außerhalb des Verständnisses gröerer Gesetzeszusammenhänge, auch nicht, von der Anwendungsseite her, in einer sich selbst überlassenen, positivistischen Indienstnahme der Wissenschaft. Es umfasst vielmehr weit darüber hinaus unsere Wahrhaftigkeit vor Gott und unserem eigenen Selbst, unseren Willen zur Selbstkritik, zumal im kritischen Gespräch, im Erkennenwollen vor allem auch des Weges, der uns zum Wissen führt, und im Wissenwollen der Grenzen unseres Erkennens. Unser Wissenschaftsideal verlangt auf seiner voll erreichten sittlichen Höhe auch eine Opferhaltung. Wir denken an Giordano Bruno, der inmitten einer Welt des Neides und der Verständnislosigkeit, unter dem Terror einer in ihrem scheinheiligen Agieren besonders erbarmungslosen Bürokratie, lieber in den Tod ging, als die Wahrheit und Wahrhaftigkeit seiner Erkenntnis einem Dogma zu opfern. Unser Wissenschaftsideal verlangt, dass wir, zumal der Natur gegenüber, Ehrfurcht, ja, Liebe empfinden und dass wir vor dem Missbrauch wissenschaftlichen Wissens nicht resignieren, sondern uns kämpferisch gegen unredliches Tun wenden.

Meine Kommilitonen!

Das alles sind keine neuen Gesichtspunkte, sondern uralte Ideale und Forderungen, zu denen wir uns heute - nach einer Zeit oft beschämenden Opportunismus' und oft grausamer Gleichgülltigkeit - wieder bekennen. Es fehlt uns daher auch nicht an Vorbildern. Neben dem eher leidenschaftlichen und auch vor gewagten Imaginationen nicht zurückschreckenden Giordano Bruno war es der streng systematisch vorgehende, gleichwohl seine Lehre in hoher Ästhetik darstellende Johannes Kepler, der in seiner Person alle jene Ideale und Forderungen vereinigte, und sie waren ihm Grundlage seines ganzen Lebens. Kein blindes Anhäufen von Wissen war sein Ziel, nichts lag ihm ferner. Sondern ausgehend von religiös- ästhetischen Überzeugungen, die verbunden waren mit dem gottesehrfürchtigen Drang, den Schöpfungsplan in. seinem Grundgefüge zu erkennen, entdeckte er seine Planetengesetze und verlor niemals die menschliche Bescheidenheit, seine Demut, das Bewusstsein seiner eigenen Schwäche und die Ehrfurcht vor der Größe und Herrlichkeit Gottes und seines Werks. Lassen Sie mich die Worte wiedergeben, mit denen Kepler seine wissenschaftlichen Untersuchungen über die Planetenbewegungen abschließt, und wir sehen hier auch, wie die medievale Glaubenswelt in die Geburt einer neuen Zeit hinüberwirkt, diese in den umfassenden Zusammenhang der europäischen Geistesgeschichte einbindend: Er schreibt am Ende des V. Buches seines Hauptwerkes, der "Welt-Harmonik":

"Das es ist es also, was ich über das Werk des göttlichen Schöpfers vorbringen wollte. Es ist jetzt Zeit, dass ich endlich Augen und Hände von den Blättern voller Sätze und Beweise weg zum Himmel erhebe und zum Vater des Lichtes in Andacht und Demut bete:

O Du, der Du durch das Licht der Natur das Verlangen in uns mehrest nach dem Licht Deiner Gnade, um uns durch dieses zum Licht Deiner Herrlichkeit zu geleiten, ich sage Dir Dank, Schöpfer, weil Du mir Freude gegeben hast an dem, was Du gemacht hast, und ich frohlocke über die Werke Deiner Hände. Siehe, ich habe jetzt das Werk vollendet, zu dem ich berufen ward. Ich habe dabei alle die Kräfte meines Geistes genutzt, die Du mir verliehen hast. Ich habe die Herrlichkeit Deiner Werke den Menschen, die meine Ausführungen lesen werden, geoffenbart, soviel von ihrem unendlichen Reichtum mein enger Verstand hat erfassen konnen. Mein Geist ist bereit gewesen, den Weg richtigen und wahren Forschens einzuhalten. Wenn ich etwas Deiner Absichten Unwürdiges vorgebracht habe, ich kleiner Wurm, im Sumpf der Sünden geboren und aufgewachsen, so sage mir, was du die Menschen wissen lassen willst, damit ich meine Sache besser mache. Wenn ich mich durch die staunenswerte Schönheit Deiner Werke zu Verwegenheit habe verleiten lassen oder wenn ich an meinem eigenen Ruhm bei den Menschen Gefallen gefunden habe in dem erfolgreichen Fortgang meines Werkes, das zu Deinem Ruhm bestimmt ist, so vergib mir in Deiner Milde und Barmherzigkeit. Und ich bitte Dich, gnädiglich dafür Sorge zu tragen, dass diese meine Ausführungen zu Deinem Ruhm und zum Heile der Seelen gereichen."

Meine Damen und Herren!

Aus diesen Worten Keplers spricht eine wissenschaftliche Welt- und Lebenssicht zu uns, die in ihrer Grundhaltung keineswegs auf die Astrophysik oder überhaupt die Naturforschung beschränkt ist. Vielmehr sagt er uns ganz allgemein, dass Wissenschaft weder bloßer Nützlichkeit unterworfen werden noch sich eitel zum Selbstzweck sublimieren soll, dass sie den Menschen vielmehr durch seine Wahrheitserkenntnis zur Selbstläuterung und Sittlichkeit, zum Glauben an das Gute, zu höherem Bewusstsein führen soll.

Natürlich sind nicht alle wissenschaftlichen Gesetzeswerke von der schlichten Schönheit des Keplerschen, und viele stehen auch in ihrem Wahrheitsgehalt hinter diesem zurück, eingedenk der Tatsache, dass es Wahrheit für den Menschen immer nur aus einer Modellperspektive gibt und unter einem subjektseitigen Apriori, wie wir von Kant wissen, und dass sich die Modellperspektiven immer 'auf dem Wege' befinden, meist in Fortschrittslinien, in denen das Nachfolgende das Vorangegangene im Hegelschen Sinne "aufhebt", sprich: aufbewahrt, es ergänzend, erweiternd, vertiefend - so, wie es im Falle Keplers durch Newton und später Einstein geschah, mit dessen heute weitgehend anerkannter Theorie gewiss noch kein Abschluss der physikalischen Naturerkenntnis erreicht ist.

In allen Kulturnationen treffen wir auf große Menschen, die ähnlich wie Johannes Kepler eine außergewöhnliche wissenschaftliche Denkkraft mit hoher sittlicher Gesinnung verbanden, den Begriff der Sittlichkeit hier im weitesten Sinne verstanden. Ich bin so optimistisch anzunehmen, dass dieser Geist in einer nach Versöhnung und Wahrheit drängenden Zeit mehr denn je wieder aufleben, ja, vielleicht zu einer Kommunikation der jungen Akademiker aller Universitäten führen wird. Wir sind der Überzeugung, dass von seiner Wiedergeburt zum guten Teil das Glück der Menschheit abhängt.

Und das ist das Abschließende, das ich zu diesem unserem Wissenschaftsideal zu sagen habe: Möge man in der Welt die ehrliche Bereitschaft gerade der deutschen akademischen Jugend, die jetzt zu den Universitäten drängt oder zu ihnen zurückkehren durfte, sehen, nach den schrecklichen zwölf Jahren, die hinter uns liegen, mit allen Kräften das Ideal der engen Verbindung von Wissen, fachlichem Können und sittlicher Gesinnung im Geiste Keplers anzustreben und so an der geistigen Erneuerung ihres Landes und, wenn es ihr vergönnt ist, der Welt mitzuarbeiten. Wir wussten auch nicht, was unserem Leben sonst Inhalt und Sinn geben sollte wenn nicht eine so verstandene Wissenschaft und Philosophie, von denen Johannes Kepler in einem Brief sagte:

"Wenn es etwas gibt, was den himmlischen Geist des Menschen an diesen unseren verstaubten Verbannungsort fesseln und ihn damit aussöhnen kann, so dass man sich freuen mag zu leben, so ist es wahrhaftig dieses tiefe Vergnügen."

Dürfen wir auch nicht hoffen, jemals zu erreichen, was wir absolute Wahrheit nennen; wenn wir auch immer nur einen unendlich kleinen Teil des Schöpfungsplanes unserer anthropomorphen, perspektivischen Erkenntnis erschließen können, so sehen wir doch darin keine Tragik. Das Urbild aller unserer Perspektiven und Modelle liegt allein bei Gott. Göttliche Wahrheit -so wissen wir schon von Nikolaus von Kues - passt nicht in Menschenhirn. Sie gibt es nur in der Welt der reinen Ideen, die jedoch nicht in sich verschlossen bleiben, sondern auf Verwirklichung, auf Leben, drängen, so wie die Form erst durch ihren Inhalt vollendet wird. Unser Wissen ist immer nur medial, symbolisch, und als solches auch immer unvollkommen. Ein unvermittelter Blick in die Unermesslichkeit der Welt in ihrem reinen Ansich-Sein würde uns nur blenden und uns zurückschleudern an den Anfang unseres Suchens. So lässt uns Wissenschaft die Grenzen unseres Verstandes erkennen und uns offen werden für den Glauben, die letzte Zufluchtsstätte der strebenden Menschenseele, in der diese Glück und Erfüllung findet. Streben ist besser als Haben! Der Weg steht für uns noch über dem Ziel. Das hat auch Lessing gemeint, als er sagte:

"Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatz, nicht immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: Wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater, gib! Die reine Wahrheit ist doch nur für Dich allein!"

So gehen wir denn in diesem Bewusstsein und voller Hoffnungen in ein arbeitsreiches Semester, beseelt von dem Willen, unsere Universität wieder zu dem zu machen, was sie in ihren besten Zeiten war: Zur Heimat wahren wissenschaftlichen Geistes!